"Monster der Meere" haben Vater-Qualitäten

Doktorandin aus Walldorf forscht im fernen Alaska

 

Walldorf. In einer Hütte ohne fließend Wasser leben und „Monster der Meere“ im kalten Alaska untersuchen? Wer macht denn sowas?

Katja Berghaus wollte schon als Kind Meeresbiologin werden. Die 27-Jährige ist in Walldorf aufgewachsen, hat am Karlsruher Institut für Technologie (KIT) Angewandte Biologie, Zoologie und molekulare Zellbiologie studiert und im Herbst an der University of Alaska in Fairbanks eine Doktorarbeit im Bereich Fischerei begonnen. Für den Naturschutzbund (Nabu) Walldorf-Sandhausen hielt sie einen Vortrag über ihr Forschungsobjekt: den Lingcod. Ein beliebter Angler-, aber auch kommerziell ausgebeuteter (Grundnetz-)Fisch.

 

Unter den zahlreichen Zuhörern im Sängersaal des Pfälzer Hofes sind ihre besten Freundinnen, alte Klassenkameraden sowie Studienkollegen vom KIT.

In ihrem launigen Vortrag beschreibt Berghaus den Fisch als „Couchpotato“, denn er hat keine Schwimmblase und sinkt daher auf den Grund des flachen Riffes, wo er gut getarnt durch seine braunen Flecken auf Beute wartet. Das „Riesenvieh“ könne 1,5 Meter lang, fast 60 Kilo schwer und über 20 Jahre alt werden, erzählt sie. Gruselig sei das breite Maul mit den spitzen Zähnen, das an eine Schlange erinnere. Zugleich sei der Fisch „sehr cool“ und habe „tolle Vater-Qualitäten“. Das Männchen passe auf das Gelege auf und komme dabei bis zu acht Wochen ohne Fressen aus.

 

Im Jahr 2007 wurde ein Tunnel von Anchorage, der größten Stadt Alaskas, nach Prince-William-Sund eröffnet. Die Städter erreichen die Bucht nun in nur 45 Minuten und Freizeitfischer holten in diesem Jahr so viel Lingcod aus dem Meer wie nie zuvor. Seitdem hat die Zahl der gefangenen Lingcod deutlich abgenommen, erklärt sie anhand einer Graphik. Um den Zusammenbruch ganzer Populationen zu verhindern wurde ein Fischereimanagement eingeführt. Von Dezember bis Juli ist die Saison geschlossen, pro Person darf nur noch ein Fisch gefangen werden und Fische unter 89 Zentimetern wandern zurück ins Meer.

 

Welche Fragen stellt sich die junge Forscherin vor diesem Hintergrund? Es gehe darum, das Management mit Daten zu versorgen: Wie ist die Größenverteilung der Fische? Wie stellt sich der Bestand vor und nach der geschlossenen Saison dar? Welche Faktoren beeinflussen das Eintreten der Geschlechtsreife? Und ist es gefährlicher, ein Männchen zu sein?

Sie hat bereits den Mageninhalt gefangener und filetierter Fische und den aus vielen tausenden Eiern bestehenden Laich untersucht. „Das ist Detektivarbeit“, sagt sie.

„Und warum mache ich das? Weil ich dieses Foto haben möchte“, grinst sie und zeigt ein typisches Ich-habe-den-dicksten Fisch-gefangen-Foto mit einem Paar, das ein Riesenexemplar von Lingcod im Arm hält. Ihr Gesicht hat sie hineinmontiert.

 

Doch wie ist die zierliche Frau an den „Monsterfisch“ geraten? Als Stewardess hatte ihre Mutter ihr von Alaska vorgeschwärmt. Und über Couchsurfing, eine Internetplattform die Reisende an Gastgeber vermittelt, hatte sie bereits zu Beginn ihres Masterstudiums zweieinhalb Monate in Alaska verbracht und dabei die Fischbiologie kennen gelernt.

 

Ihren Verlobten Taylor Roddam, der den Vortrag mit der Kamera festhält, lernte sie nur zwei Stunden nach ihrer Ankunft in Fairbanks kennen. Sie hatte ein möbliertes Zimmer bezogen und sich im Einkaufszentrum mit Bettwäsche und Lebensmitteln eingedeckt. Ihre Vermieterin hatte sie hingefahren und da stand sie nun. Wie sollte sie mit all den Sachen zurückkommen? Da sprach sie ein Mann an, fragte nach ihrer Handynummer und war ziemlich irritiert, als sie ihn ohne zu zögern darum bat, sie heimzufahren. „Er dachte, ich bin eine Serienkillerin“, lacht sie. Ihr damaliger Couchsurfer-Gastgeber wird im Sommer die Hochzeit abhalten (in Alaska kann nach einer Einführung Jeder Standesbeamter ‚spielen‘).

Auch wenn sie Familie und Freunde in Walldorf vermisst, die idyllische Bucht Prince-William-Sund im Golf von Alaska ist ihr eine neue Heimat geworden. Dafür nimmt sie auch das Plumpsklo in Kauf.

 

Sabine Hebbelmann


Monster der Meere:

auf der Suche nach Lingcod in kalten Gewässern Alaskas

Katja Berghaus

University of Alaska Fairbanks

17. April 2019, 19:30 Uhr, Pfälzer Hof, Walldorf

 

Der Trophäen- und Speisefisch ist bei Freizeitanglern dank seiner stattlichen Größe von etwa 120 cm und seines festen weißen Fleisches sehr beliebt, aber seine Alligator-ähnliche Todesrolle macht ihn zeitgleich zu einem der gefürchtetsten Passagiere auf kleinen Fischerbooten. Der Lingcod, ein typischer Fisch der Westküste der USA könnte nun in Alaska von Überfischung bedroht sein.

Auf den ersten Blick wirkt der Bodenfisch aggressiv, jedoch beweist der männliche Lingcod jährlich seine Vaterqualitäten. In den Frühlingsmonaten bewachen die Männchen die Gelege bis zu 8 Wochen und verzichten dabei auf Nahrung und sonstige Annehmlichkeiten. Viele der Aufzuchtgebiete befinden sich jedoch in aktiv befischten Gebieten. Eine dieser besonders fruchtbaren Fischereiregionen Alaskas ist Prince William Sound. Berühmt für seine natürliche Schönheit und Lachswanderungen, ist diese Gegend auch bekannt für seine exzellente Felsenbarsch- und Lingcod-Fischerei. In ihrem Vortrag wird Sie Katja Berghaus, Doktorandin an der University of Alaska, Fairbanks, auf eine Reise ins kalte Alaska nehmen und erklären wie sie dem Mysterium des Lebens und Überlebens des Monsters Lingcod auf den Grund zu gehen hofft.

 


"Wir wollen den Dialog stärken"

Insekten dienen als Nahrung für viele andere Tiere, darunter Vögel und Fledermäuse. Dass ihr Sterben auch für unsere Ernährung ein Problem ist, machte die Biologin Renate Wolf bei ihrem Vortrag ‚Der hohe Preis der billigen Nahrung‘ im Pfälzer Hof in Walldorf deutlich. Denn Insekten erfüllen wichtige Aufgaben. Sie verhindern die massenhafte Vermehrung von Schädlingen. Sie sorgen für die Zersetzung organischen Materials, das als Nährstoff wieder verfügbar wird. Und durch die Bestäubung haben sie eine wichtige Funktion bei der Lebensmittelproduktion.

 

Umso dramatischer ist der aktuelle Schwund der Insekten, der durch die Langzeitstudie des Entomologischen Vereins Krefeld ins öffentliche Bewusstsein gerückt ist. Maßgeblich habe der Strukturwandel in der Landwirtschaft zum Insektensterben beigetragen, machte Wolf, die sich als ehrenamtliche Schutzgebietsbetreuerin für Walldorf und auch in der örtlichen NABU Ortsgruppe engagiert, deutlich. In den 60er Jahren habe ein Bauer noch 17 Menschen ernährt, heute ernähre er 155 Menschen. Immer weniger Betriebe müssten immer mehr produzieren.

 

Eine wichtige Rolle bei der Intensivierung spielten Pestizide wie Glyphosat, die den Bauern die Arbeit erleichterten. Pestiziden kämen in unterschiedlichen Mischungen zum Einsatz, es sei kaum möglich, die Wirkungen all dieser Cocktails zu erfassen, so Wolf. Neonicotinoide, eine neue Klasse hochwirksamer Insektizide, die auf das Nervensystem wirken, werden für das Bienensterben mitverantwortlich gemacht. Sie werden von Pflanzen aufgenommen und reichern sich im Boden an.

 

Jahrtausende sei die Landwirtschaft ohne Pestizide ausgekommen, bemerkte die Biologin und zählte Alternativen auf: Fruchtfolgen, Mischkulturen, Untersaaten, Permakultur, vielfältige Strukturen und Lebensräume in den Agrarlandschaften, schonende Bodenbearbeitung, Bodenbedeckung und aktiven Humusaufbau. Die Sandhäuserin verriet, wie mit Geldbeutel und Einkaufkorb Jeder zu einer nachhaltigeren Landwirtschaft beitragen kann: Konsum reduzieren, Bio-Lebensmittel kaufen, auf die Qualität der Label achten.

 

„Ich vermisse einige Themen“, sagte ein heimischer Landwirt und zählte auf: Versiegelung von Flächen, Licht- und Luftverschmutzung, Kläranlagen, die keine vierte Reinigungsstufe haben. Immer gehe es nur auf die Landwirtschaft, beklagte er sich.

Glyphosat galt in den Siebziger Jahren als Mittel der Wahl, machte ein anderer Bauer geltend. Es werde abgebaut und schade den Bodenlebewesen weniger als das Pflügen. Man müsse auf die Zwischenprodukte des Abbaus achten, die weitaus stabiler seien, in die Nahrungskette gelangten und die Gesundheit beeinträchtigen könnten, entgegnete die Biologin.

 

Ein anderer dankte für den differenzierten Vortrag. Landwirte seien Opfer der Agrarpolitik, sie könnten am allerwenigsten dafür. Er forderte, Bauern sollten für ihre Leistungen für Landschaftspflege, Umwelt- und Naturschutz honoriert werden. Doch die Regierung sperre sich dagegen, die 2. Säule der EU-Agrarförderung aufzustocken. „Wir bezahlen die Umweltschäden über die Steuer“, ärgerte er sich. Ein anderer beklagte, beim Handel lande mehr Verdienst als beim Produzenten, Handel und Saatguthersteller seien zu mächtig geworden.

Ein Teilnehmer, der selbst im Bundesamt für Verbraucherschutz und Lebensmittelsicherheit (BVL) in der Zulassungsstelle für Pestizide gearbeitet hatte, berichtete, das Amt habe die Studienergebnisse der Industrie nur auf formale Richtigkeit prüfen können. „Wir konnten nicht alles gegenchecken und nachprüfen.“

 

Wolf stellte klar: Unser auf stetes Wachstum ausgelegtes Wirtschaftssystem funktioniert bei der Landwirtschaft nicht. Die Flächen seien begrenzt, die Fruchtbarkeit der Böden dürfe nicht verloren gehen. Bei der Umstellung auf Bio müssten die Landwirte finanziell und durch Beratung unterstützt werden.

Als Vorsitzender des NABU Walldorf-Sandhausen suchte Wolfgang Högerich den Kontakt zu den Landwirten: „Wir sind an der Basis, wir wollen den Dialog stärken. Bitte kommen Sie auf uns zu!“

 

Text und Fotos: heb


Der hohe Preis der billigen Nahrung

Das Insektensterben ist auch im Südwesten Realität und schreitet unaufhaltsam voran. In ihrem Vortrag ‚Insektensterben - der hohe Preis der billigen Nahrung‘ beschäftigt sich Renate Wolf, ehrenamtliche Schutzgebietsbetreuerin für Walldorf, mit den Hintergründen des Insektenschwunds. Der Vortrag findet statt am 20. März um 19:30 Uhr in Walldorf, Gasthaus Pfälzer Hof. Es geht um die Bedeutung der Insekten im Ökosystem, die Ursachen für den Verlust der Biodiversität in der Agrarlandschaft, die Wirkung verschiedener Pestizide, die Landwirtschaft im Spannungsfeld von Ökologie und Ökonomie und um Handlungsspielräume und Verantwortung für Nachhaltigkeit von Politik, Verbrauchern, Landwirten und Agrotechnik.

 


Blühende Gärten in Walldorf

Blühende Stauden, bunte Schmetterlinge und zwitschernde Vögel - klingt das nicht nach einem paradiesischen Garten? Und das alles mit nur wenig Aufwand oder Vorwissen. Mit dem Projekt ‚Blühende Gärten – damit es summt und brummt!‘ möchten der NABU Landesverband und der NABU Ortsverband Walldorf-Sandhausen dazu motivieren und beraten, solche kleinen Paradiese zu schaffen. Wie es geht verrät Michaela Senk, Technikerin im Garten- und Landschaftsbau, am 27. Februar um 19:30 Uhr im Pfälzer Hof in Walldorf. Ob privater Garten oder gewerblich genutztes Gebiet, schon ab einer Fläche von drei Quadratmetern sind „Blühende Gärten“ ein wertvoller Beitrag für die Artenvielfalt. Das benötigte Material wird gestellt. Die ‚Blühenden Gärten‘ werden gefördert vom Ministerium für Umwelt, Klima und Energiewirtschaft Baden-Württemberg.

 

‚Dünen und Hohlwege in unserer Umgebung‘

Die Sandbiotope der Region sind in ganz Baden-Württemberg einzigartig. Günter Keim, Gründungsmitglied des Nabu Walldorf-Sandhausen, hat einige dieser Naturparadiese bei Spaziergängen mit seiner Frau erkundet und sich über ihre Entstehung und Besonderheit informiert. Vor zahlreichen Zuhörern im Pfälzer Hof hält der bodenständige 79-Jährige einen lebendigen Vortrag über ‚Dünen und Hohlwege in unserer Umgebung‘ und zeigt eine Auswahl seiner Fotoausbeute der vergangenen Jahre.

 

Keim zeigt, wie der Rhein vor seiner Begradigung in großen Schleifen durch die Rheinebene floss und seinen Lauf ständig änderte.

Als nach der letzten Eiszeit vor rund 10 000 Jahren das Eis schmolz, transportierte der Rhein mit den großen Wassermengen viel Sand- und Schottermaterial, das sich in Form von Sandbänken ablagerte. Wind verwehte den Sand, der sich nur wenige Kilometer weiter östlich wieder ablagerte. Teils haben sich dabei langgestreckte Höhenrücken quer zur vorherrschenden Windrichtung gebildet, die mit dem Wind sanft ansteigen und auf der vom Wind abgewandten Seite mehr oder weniger steil abfallen. Die Entstehung ist auch auf einer der Tafeln des Naturlehrpfads am Reilinger Eck dargestellt.

Das 1995 unter Schutz gestellte Gebiet Zugmantel-Bandholz ist Teil des Sanddünenwalls, der zwischen Walldorf und Sandhausen verläuft. Hier wurde noch bis 1980 Sand abgebaut. Keim zeigt ein Foto von dem Gebiet nach der Ausweisung, als sich in der ausgebaggerten Sohle ein Tümpel gebildet hatte. Heute seien hier – abhängig von der Niederschlagsmenge – nur noch zeitweise offene Wasserflächen zu finden. Keim zeigt Fotos von blauviolettem Sandthymian und Golddistel und von der Besucherlenkung durch geflochtene Weidezäune, hölzerne Wegbegrenzungen und Informationstafeln, die auf „duftende Sommerliebhaber und Hungerkünstler“ hinweisen.

Derselbe Dünenzug ein Stück weiter nördlich: Hier findet sich die bekannte Pferdstriebdüne, ein weiteres Sandhausener Naturschutzgebiet. „Das ist ein Hotspot in unserer Gegend, hier gibt es ganz seltene Pflanzen und Tiere“, betont Keim. Er zeigt „Sandhäuser Krutze“, knorrige alte Kiefern, die es mit dem kargen Sandboden aufnehmen und die auch die Steppenlandschaft des Naturschutzgebiets Pflege Schönau prägen, das leuchtend gelbe Sonnenröschen mit seinen dicken Blättern, die das knappe Wasser speichern und auf Walldorfer Seite den abgeholzten Maulbeerbuckel, und wo sich ein gelbgrüner Teppich aus Wolfsmilch durchsetzt mit bunten Sprenkeln von Akelei, Lichtnelke und Leimkraut ausgebreitet hat.

 

Mit den Binnendünen der Rheinebene wurde nach der Eiszeit auch die weiter östlich gelegene Hügellandschaft geformt. Denn die feineren Partikel, den Löss, beförderte der Wind bis in den hinteren Kraichgau, wo er sich in teils meterhohen Schichten ablagerte. Hier haben die historische Bearbeitung mit Fuhrwerken und die Erosion zusammengewirkt und zur Entstehung von Hohlwegen geführt.

Keim beschreibt die bekannten Hohlwege der Umgebung, die Weiße Hohle am Ortsausgang von Nußloch Richtung Maisbach, wo es einen rund einstündigen Rundweg gibt, den ‚Hohlenpfad Mühlhausen-Tairnbach‘ und die bekannten Hohlwege um Zeutern, zu denen die tief eingegrabene Galgenhohle und die Rennweghohle im Naturschutzgebiet ‚Beim Roten Kreuz‘ mit ihren Orchideenwiesen gehört. Die beste Jahreszeit, um die Naturschätze zu entdecken sei Ende April, Anfang Mai, gibt Keim auf Nachfrage Auskunft.

„Überall, wo der Klappertopf wächst, sind viele andere interessante Pflanzen zu finden“, sagt er und zeigt Fotos von Pyramiden-Knabenkraut, Bocksriemenzunge, Kreuzblümchen, Großer Anemone, Küchenschelle, Schopf-Traubenhyazinthe und Mädesüß. Die sonnenexponierten Lößböschungen der Hohlwege seien außerdem Lebensraum für Wildbienen und Grabwespen. Ein Zuhörer weist auf einen beliebten Rundweg hin, der die Hohlwege verbindet. Ausgangspunkt ist der Friedhof in Zeutern. Schließlich geht es noch um den Michaelsberg bei Untergrombach, ein beliebtes Ausflugsziel und eines der ersten Naturschutzgebiete Südwestdeutschlands, auf dessen Lössboden ganz besondere Pflanzen, wie der prächtige Diptam, die Bienen-Ragwurz und das zarte Waldvögelein wachsen. Und auch das Helmknabenkraut mit seinen charakteristischen Blütenblättern. „Die sehen aus wie ein Mensch mit Helm und“,  jetzt grinst er knabenhaft „untendran das Pimmelchen“.

 

Sabine Hebbelmann

Fotos: Günter Keim und Peter Weiser


Der Traum vom Leben in Kanada

Auswanderer Roland Günther zeigte fantastische Naturaufnahmen

Mit großem Hallo, Umarmungen und strahlenden Gesichtern begrüßt wird Auswanderer Roland Günther bei seinem Auftritt im Foyer der Astoria-Halle in Walldorf. Schnell werden weitere Stühle herbeigeschafft um dem Ansturm Herr zu werden. Günther, der vor 42 Jahren die Ortsgruppe des DBV (jetzt NABU) in Walldorf mitgegründet hatte, ist gleich umringt von den damaligen Weggefährten.

Tochter Katharina Minack ist in seine Fußstapfen getreten, sie engagiert sich im Verein für die örtliche Naturschutzjugend. „Papa, tätst du das machen?“ Mit diesen Worten habe sie ihn vor einigen Monaten gebeten, für den Naturschutzverband einen Bildervortrag über Vancouver Island zu halten, erzählt er. Der Mediziner zögerte zunächst, schließlich sei er kein Fotograf. Umso mehr freut er sich, dass Fotoamateure der Naturschutzvereinigung Comox Valley Naturalists Society auf Vancouver Island (bei welcher er selbst auch Mitglied ist) ihm ihre Fotopräsentationen mit auf die Reise gaben. So dürfe er „einen Gruß der Naturschutzvereinigung von der anderen Seite der Welt“ überbringen.

Günther, der als homöopathischer Arzt viele Jahre in Walldorf praktiziert hatte, ist sichtlich gerührt als er seinen Vortrag vor rund 80 Zuhörern beginnt. Wenn ich den Beamer benutze sieht jeder wie ich zittere“, sagt er, bleibt dabei aber souverän und locker und redet frei über das, was auf den Fotos zu sehen ist. Eine kanadische Färbung mischt sich in die Walldorfer Mundart und hin und wieder sucht er nach dem passenden deutschen Wort. Sohn Hannes kümmert sich um die Technik und hält die Bilderfolge an, wenn sein Vater Zeit für die nächste Anekdote benötigt.

Der Auswanderer mit den silbrigen Locken zeigt sein Haus bei Courtenay, den Blick aus dem Fenster über die Bucht mit der Flussmündung und dem dahinter liegenden weiß gekrönten Gebirgszug und stößt aus: „Herrgott, dankeschön!“ Auf der großen Douglasie dicht neben seinem Haus brütet ein Paar Weißkopfseeadler, im Garten windet sich eine Strumpfbandnatter.

In rascher Folge zeigt Günther eine Fülle fantastischer Naturaufnahmen der Fotografen Terry Thormin, Charles Brandt, Sharon Niszac, Victor Buskirk und Jay Stone Bear: Exotische Blumen und Kolibris, Enten - eine dekorativer als die andere, vielgestaltige Seesterne in den Felsenbecken, in denen sich das Unterwasserleben wie in einem Aquarium beobachten lässt, Meeresgetier im Watt, ein Rudel Robben, das mit seinen Flossen zu winken scheint, imposante Seelöwen und springende Orkas, die so groß sind wie ein Bus. „Ist das nicht irre schön?“, fragt er.

Ein wettergegerbter Einsiedler sinniert in seiner Hütte am Fluss über das Verhältnis Mensch – Natur und Ortsangaben lauten in etwa so: „Dieses Ufer liegt rund eine Stunde mit dem Paddelboot von unserem Haus entfernt.“

Ein Foto stammt von seiner kanadischen Frau Barb, die auch im Publikum sitzt. Es zeigt einen Puma, der auf einen Baum geflüchtet ist. Sie war mit dem Hund spazieren als sie diese besondere und nicht ungefährliche Begegnung hatte. Hätte der Hund nicht den Puma angegriffen hätte es auch umgekehrt ausgehen können.

Mit Blick auf die Uhr sagt der Referent schließlich: „Ich glaub‘ die Grizzlys lassen wir weg.“ Zeigt aber dann doch noch die herrlichen Aufnahmen der Lachse jagenden Bären am Fluss.

Das alljährliche im Frühjahr stattfindende Schauspiel der Lachswanderung fasziniert den 64-jährigen ganz besonders. Vom Flugzeug aus sieht man, wie sich der Uferbereich des Flusses durch den Laich der Lachse milchig-weiß verfärbt hat. Und alle sind hinter der reichen Beute her: Bären, Wölfe, Fischkutter…

„Ich hätte dir noch stundenlang zuhören können“, sagt Nabu-Vorsitzender Wolfgang Högerich, dankt herzlich und überreicht dem Referenten mit seinem Stellvertreter Peter Schmitt eine waschechte Nabu-Jacke.

 

Hintergrund

Wie er dazu gekommen ist nach Kanada auszuwandern erzählt Roland Günther der RNZ im Anschluss an den Vortrag. War mit der Naturschutzgruppe zunächst die „äußere Natur“ sein Lebensinhalt, so habe er als Arzt begonnen, sich zunehmend mit der „inneren Natur“ zu beschäftigen. In den 90ern interessierte ihn das Heilwissen der Indianer und er lebte zwei oder drei Jahre in einer Familie im indianischen Reservat in Alberta. Hier lernte der die indianische Kultur hautnah kennen bis hin zu den regelmäßigen ‚Schwitzhüttenzeremonien‘. Als sein Adoptivbruder ihn einmal fragte, ob er mit ihm zum Fluss gehe, sagte Günther: „Ich habe keine Zeit.“ Das habe der überhaupt nicht verstanden. „Sie ist doch immer da - wieso braucht ihr eine eigene Zeit um genug zu haben?“ Die kulturellen Unterschiede ließen ihn das Eigene hinterfragen. „Meine Einstellung hat sich verändert, auch zu dem was ‚normal‘ ist“, sagt er. Er habe eine Weile gebraucht um für sich beide Kulturen zusammenzubringen.

2005 schließlich zog es ihn erneut nach Kanada, dieses Mal über die ‚Rockys‘ Richtung Küste. Die Millionen-Stadt Vancouver war ihm zu groß, nach einem Jahr zog er weiter nach Victoria, der Hauptstadt von Vancouver Island und schließlich in die Kleinstadt Courtenay.

In Kanada lebt er von der Homöopathie, will künftig aber auch Naturführungen mit dem Boot anbieten. Da es auch in Kanada eine Reihe von Vorschriften gibt, muss er jedoch zunächst Seefunk lernen und einen Schein für die Personenbeförderung machen. Über das intensive Erlebnis der äußeren Natur sollen die Führungen zur Heilung des gestörten Verhältnisses Mensch-Natur beitragen. Auch für ihn persönlich schließt sich der Kreis nun, da es ihm gelingt, innere und äußere Natur in Einklang zu bringen.

 

Sabine Hebbelmann


Naturerlebnisse auf Vancouver Island

Ein Vortrag von Roland Günther,  Auswanderer aus Walldorf

 

Vor über 40 Jahren gab Roland Günther mit seiner Begeisterung für den Naturschutz die Initialzündung, die zur Gründung der Ortsgruppe des DBV (jetzt NABU) führte. Vor 13 Jahren wanderte der Arzt nach Kanada aus, wo er in einem Naturparadies an der Pazifikküste eine neue Heimat fand. Nach vielen, vielen Jahren wird er nun wieder einen Vortrag bei uns in Walldorf halten. Er wird von der Natur auf Vancouver Island berichten, einer ca. 450 Kilometer langen Insel vor der Westküste Kanadas. Sein Vortrag wird Erzählungen enthalten von Gletschern über Regenwälder bis zum Meer, vom winzigen Kolibri bis zum Adler, von den Waschbären im Garten bis zu Seelöwen, Buckelwalen und Orcas. Ausführlich wird er den jährlichen Lachszug beschreiben, bei dem Millionen von Fischen nach Jahren im Ozean wieder in ihre Geburtsflüsse aufsteigen um abzulaichen, zu sterben und so für eine neue Generation von Lachsen zu sorgen. Rolands Vortrag wird auch ein Gruß des örtlichen Naturschutzbundes auf Vancouver Island an den NABU Walldorf-Sandhausen sein, denn die Mitglieder der dortigen Naturfotografie-AG haben Roland freundlicherweise ihre wundervollen Bilder für diesen Vortrag zur Verfügung gestellt.

 

Wann und wo? Am 12.12.18 um 19:30 Uhr im Foyer der Astoria-Halle Walldorf

 

Roland Günther (Foto: Yvonne Rauchfuß) hat auf Vancouver Island Tochter (Katharina Minack) und Enkelin am Fluss fotografiert


Vom Frühlings-Hungerblümchen bis zur Sand-Steppenbiene

Flora und Fauna der Sandhausener Binnendünen nahm der NABU Walldorf-Sandhausen im Rahmen seiner Veranstaltungsreihe im Pfälzer Hof Walldorf in den Blick. Mitglied Peter Weiser, der im Ehrenamt auch Naturschutzwart ist, zeigte eine Serie faszinierender Makroaufnahmen und berichtete von unterschiedlichen Strategien der Anpassung an den Extremstandort. Der Sandboden in den Naturschutzgebieten Pferdstriebdüne, Pflege Schönau-Galgenbuckel und Zugmantel-Bandholz hält kein Wasser, ist extrem trocken und nährstoffarm. Die seltene Sand-Silberscharte etwa bildet bis zu 2,50 Meter tiefe Wurzeln, das Frühlingshungerblümchen meidet die heiße Jahreszeit, Sommerwurz und Gelber Zahntrost parasitieren auf anderen Pflanzen, der Scharfe Mauerpfeffer speichert Wasser in den Blättern und der dunkelrot-violett blühende Kugelköpfige Lauch nutzt Zwiebeln als unterirdische Speicherorgane.

Mit eigenen Beobachtungen und der Aufzählung in einer Monographie kam Weiser für die Sandhäuser Dünen auf 2648 Arten. „Beim Thema Artenvielfalt geht es auch um unsere Lebensgrundlagen“, machte der Biologe deutlich. Stabile Ökosysteme und gesunde Böden seien wichtig für die menschliche Ernährung, dagegen förderten Monokulturen die Massenvermehrung von Schädlingen. Auch der beschleunigte Klimawandel führe zu labilen Ökosystemen. Pflanzen und Tieren fehle die Zeit, sich an die raschen Veränderungen anzupassen.

 

Weiser ging auch auf den schleichenden Nährstoffeintrag durch Verkehr und Hundekot, auf die Ausbreitung von Neophyten sowie die fehlende Vernetzung der Kleinbiotope ein und brach eine Lanze für die Schaffung weiterer Offenbereiche mit Sandflächen - wie die Freistellung der Dünenkuppen Maulbeerbuckel und Saupferchbuckel.

 

heb


Besonderer Lebensraum im Fokus

Auf den ersten Blick wirkt die steppenartige Landschaft der Sandhausener Binnendünen wenig spektakulär. Doch wer genau hinsieht und sich dabei genug Zeit nimmt, kann spannende Entdeckungen machen. Einer, der mit Kamera und Notizbuch ausgerüstet, schon unzählige Stunden in den Naturschutzgebieten verbracht hat, ist Peter Weiser. Der promovierte Biologe engagiert sich ehrenamtlich als Naturschutzwart und im Vorstand des NABU Walldorf-Sandhausen, auf dessen Einladung er am 21. November in Walldorf einen Bildervortrag hält. Anhand beeindruckender Makrofotografien demonstriert er die Anpassung verschiedener Arten an den Extremstandort Düne. Er zeigt Bilder von seltenen Dünenpflanzen, prächtigen Schmetterlingen, räuberischen Grabwespen, seltenen Solitärbienen, winzigen Sand-Steppenbienen und eigentümlichen Krabbenspinnen. Weiser bietet einen fundierten Überblick über Entstehung und Bedeutung der Binnendünen, geht aber auch auf die Bedrohungen der Sandrasen ein: Nährstoffeintrag durch Verkehr und Hundekot, Neophyten, sowie die fehlende Vernetzung der Kleinbiotope. Außerdem bricht er eine Lanze für die Schaffung weiterer Offenbereiche mit Sandflächen - wie in Sandhausen die Auflichtungen bei der Pflege Schönau sowie in Walldorf die Freistellung der Dünenkuppen Maulbeerbuckel und Saupferchbuckel.

 

Der Vortrag findet statt am 21. November 2018 um 19.30 Uhr im Pfälzer Hof (Sängersaal), Schwetzinger Str. 2 in Walldorf. Der Eintritt ist frei.

Fotos: Peter Weiser


'Umsteuern' für mehr Nachhaltigkeit

Auf Einladung des NABU Walldorf-Sandhausen stellt der Tübinger Pfarrer Frithjof Rittberger am 10. Oktober 2018 um 19:30 Uhr in der Scheune Hillesheim, Johann-Jakob-Astor-Str. 1, in Walldorf seine Initiative für eine ökosoziale Reform der Mehrwertsteuer vor.

 

Fast alle sind dafür, dass Lebensmittel möglichst ohne Umweltbelastung angebaut werden, dass Kleidung fair gehandelt wird oder dass der Verkehr weniger C02 freisetzt. Dennoch ist der Anteil nachhaltigen Konsums auch nach vielen Jahrzehnten der Umweltbewegung eher gering. Appelle verpuffen, und diejenigen, die ökologisch bewusst einkaufen oder produzieren, haben oft das Gefühl, politisch benachteiligt zu werden. Wer mit seinen Produkten Boden, Wasser und Luft vergiftet oder Arbeitskräfte ausbeutet, hat einen Wettbewerbsvorteil durch niedrigere Preise und lädt die Umweltfolgekosten der Steuer zahlenden Allgemeinheit auf. Wer aber Umweltschäden vermeidet zahlt drauf.

 

Um das zu ändern setzt sich der Tübinger Pfarrer Frithjof Rittberger in einer Petition dafür ein, dass soziale Kosten und Umweltfolgekosten in die normale Preis­gestaltung mit einbezogen werden. Durch eine Reform der Mehrwertsteuer könnten zertifiziert nachhaltige beziehungsweise Fairtrade-Produkte und Dienst­leistungen geringer besteuert werden, umweltbelastende Vergleichsprodukte mit dem höheren, normalen Steuersatz. Rittberger, der fast nur Lebensmittel aus Öko-Landbau kauft und mit dem Fahrrad und Zug unterwegs ist, würde sich von einer solchen Reform zum Beispiel auch erhoffen, dass man in einer normalen Kantine oder am Pizzastand im Bahnhof die Chance hat, in Bio-Qualität zu essen – und dass man nicht für die Fahrt mit dem ICE hohe Steuern zahlen muss, sondern fürs Fliegen. So könnte eine ökologisch ermäßigte Steuer motivierend auf Angebot und Nachfrage wirken.

Rittberger freut sich, in der engagierten Fairtrade-Stadt Walldorf seine Initiative vorstellen zu können. Er gibt einen Einblick in seine bisherigen Erfahrungen mit Verbänden, Politik und Medien und hofft auf eine lebhafte Diskussion.